Mirilanya blickte aus dem Fenster hinab auf die, vom Regen durchnässte, Straße vor der örtlichen Taverne der Stadt Wolfsheim. Es regnete schon seit einigen Stunden und ein Ende war nicht abzusehen. Bald würde die Straße nicht mehr wieder zu erkennen sein, von all dem Dreck und Unrat, den das Wasser mit sich brachte. Während der Regen weiter unablässig gegen das Fenster trommelte, ließ Mirilanya die Geschehnisse der letzten Tage noch einmal vor ihrem geistigen Auge ablaufen.
Da war als erstes natürlich ihre Ankunft in Brockgratens. Welch ein ernüchterndes Gefühl war es für sie gewesen als sie durch das Stadttor der Hauptstadt Ankradors ging. Die Stadt selbst kannte sie bis zu diesem Zeitpunkt nur aus den Geschichten ihrer Eltern. Dort war sie natürlich wesentlich prächtiger gewesen, als sie sie jetzt vor sich sah. Es stank undefinierbar und aus jeder dunklen Ecke schienen sie ein paar gieriger Augen anzustarren, deren zugehörige Körper nur darauf warteten die Halbelfin auszurauben. Für ein Mädchen, dass gerade den Hof seiner Eltern verlassen hat um auf eigene Faust ihr Glück zu suchen ein wahrlicher Schock. Doch sie war nicht von zu Hause weggegangen um sich jetzt davon abschrecken zu lassen. Irgendwo in dieser Stadt musste es ja auch jemanden geben, der einen nicht bei der ersten Gelegenheit ausraubte oder gleich hinterrücks erdolchte. Es galt nur ihn, oder sie, zu finden.
In Ermangelung einer eigenen Wohnung in der Stadt kehrte sie in einer, für sie, annehmbaren Taverne ein und mietete dort ein Zimmer für die nächsten Tage. Gold hatte sie fürs erste genug, nur für ein sorgenfreies Leben bis zum Tod würde es wahrlich nicht reichen. Sie würde wohl eine Arbeit annehmen müssen.
Der Wirt erwies sich in punkto Arbeitsmöglichkeiten als wahre Goldgrube. Neben den offensichtlichen Möglichkeiten in der Taverne selbst für ihn zu putzen oder zu kochen - sein schiefes Grinsen verriet, dass er wohl noch etwas mehr im Sinn hatte - erfuhr sie, dass man beim Jagen, Bauen oder als Aushilfe bei der Stadtwache Gold verdienen konnte. Da sie nicht sonderlich darauf erpicht war, ihr Leben bei einem Kampf gegen ein paar Straßenräuber zu lassen, fiel die Alternative Stadtwache aus; zumal die Arbeit dort nicht sonderlich gut bezahlt wurde. Körperliche Arbeit oder Jagen hingegen war sie gewohnt, da es auf dem Hof ihrer Eltern immer etwas zu tun gab oder sie mit ihrem Vater zusammen die Jagdgemeinschaft begleitete.
So kam es, dass Mirilanya, mit Blick auf die Teilnahme bei einer Jagd, ihre Zeit Tagsüber auf den Baustellen der Stadt verbrachte und abends, wenn sie sich noch dazu in der Lage fühlte, ihr verdientes Gold in Übungsstunden im Schwertkampf auf dem Duellplatz investierte.
Die Jagd selbst verlief ohne bemerkenswerte Zwischenfälle. Keiner der Teilnehmenden kam beim Kampf gegen die sonderbaren Kreaturen, die sie jagten, ums Leben. Bis auf einen älteren Herrn, der sich ein Bein brach, weil er in einen Abhang hinunterfiel, der nicht sofort ersichtlich war, trugen die Anderen Mitglieder der Gruppe höchstens ein paar Schrammen davon. Für Mirilanya selbst verlief die Jagd zufrieden stellend. Sie konnte die Techniken, die sie auf dem Duellplatz gelernt hatte weiter festigen und erbeutete sogar ein paar Felle, die sie auf dem Marktplatz in Brockgratens für bare Münze wieder verkaufen konnte. Die Jagd hatte ihr jedoch gezeigt, dass es wirkungsvoller war, wenn man den Gegner, bevor man ihn im Nahkampf anging, schon vorher durch Fernkampfangriffe schwächte. Mit dieser Erkenntnis im Hinterkopf begab sie sich zum Wachhaus und ließ sich einen Bogen, ohne Pfeile, geben. Pfeile müsste man sich schon selbst besorgen, war die Begründung. Ein Besuch bei den örtlichen Waffenhändlern brachte Ernüchterung: Pfeile in ausreichenden Mengen zu kaufen wäre unbezahlbar für sie.
Auf der Suche nach einer alternativen Bezugsquelle stieß sie an einem Aushang auf die Mitteilung, dass man die örtlichen Werkstätten gegen eine Gebühr auch selbst nutzen könne. Da ihr Vater ihr gezeigt hatte, wie man einfache Pfeile selbst anfertigen kann, brauchte sie nur die benötigten Materialien kaufen und für die Dauer der Herstellung eine Werkstatt mieten. Auf lange Sicht würde das billiger sein, als sich permanent Pfeile kaufen zu müssen. Zumal sie mit genügend Übung auch bessere Pfeile oder Bögen würde herstellen und verkaufen können, was ihr, neben der Jagd, ein zweites Standbein verschaffen würde.
Die ersten Pfeile waren zwar noch etwas schief, aber ein paar Stunden später war sie in der Lage einfache, gerade Pfeile zu erstellen. Mit nicht wenig Stolz hatte sie seinerzeit die Werkstatt verlassen um ihre Pfeile auf dem Duellplatz zu verschießen. Etwas gezeigt zu bekommen oder es später selbst zu machen war doch ein gewaltiger Unterschied; bei ihrem
Vater hatte es immer so leicht ausgesehen...
Ein klopfen an der Zimmertür riss Mirilanya aus ihren Gedanken. 'Wer kann das denn jetzt sein', überlegt sie, und bat den Störenfried herein. Es war die Tochter des Wirts: "Entschuldigt die Störung, meine Dame. Da war grade ein Herr bei uns. Er hatte einen Brief für Euch." sie hielt Mirilanya den Brief hin. 'Wer um alles in der Welt könnte ihr einen
Brief schreiben wollen', dachte Mirilanya. Ihre Eltern nicht. Der Brief würde nie ankommen, wussten sie doch nicht, wo sich ihre Tochter gerade aufhielt.
Sie nahm den Brief entgegen: "Weißt Du, wer den Brief gebracht hat?"
"Nein, nur das er wie ein Bote aussah."
'Also konnte praktisch jeder diesen Brief an mich geschrieben haben', ging es Mirilanya durch den Kopf. Nur wer? Hier in Wolfsheim kannte niemand ihren Namen, nicht einmal der Wirt.
"In Ordnung, Mädchen. Hab Dank. Du kannst gehen."
Mit einem, "Ja, meine Dame", verließ die Wirtstochter den Raum und Mirilanya brach das Siegel des Briefes.
Es war ein Werbeschreiben einer größeren Gruppierung, die in Brockgratens und Umgebung operierte. Der Verfasser hatte Mirilanya in der Hauptstadt auf dem Duellplatz trainieren sehen und wollte sie jetzt für seine Bande von Söldnern anheuern. Soviel konnte sie den ersten drei Zeilen entnehmen. Nach drei weiteren Zeilen taten ihr die Augen weh ob der ganzen Rechtschreibfehler in dem Brief und sie warf ihn, ohne ihn bis zum Ende gelesen zu haben, auf den kleinen Tisch in ihrem Zimmer. Sich einer Söldnergruppe anzuschließen kam für sie sowieso nicht in Frage. Sie tötete nicht auf Befehl und schon gar nicht für Gold.
Der Brief, der jetzt auf dem Tisch lag brachte sie wieder dazu über das Erlebte der vergangenen Tage nachzudenken. Draußen regnete es weiterhin, als wenn es kein Morgen geben würde und bis zum Abendessen war noch eine Menge Zeit. Somit hatte sie nicht viel zu tun und zum Schlafen war sie nicht müde genug.
Sie hatte die Tage nach der Jagd wieder auf den Baustellen oder der Forstanlage verbracht um weiter Geld zu verdienen und Rohmaterial für weitere Pfeile zu sammeln. Da sie abends nicht weiter auf dem Duellplatz übte, verbrachte sie ihre Zeit mit Streifzügen durch die, ihr bis dahin, unbekannten Teile der Stadt. Eines Abends, die Sonne war grade hinter dem Horizont und verschwunden, Mirilanya befand sich auf dem Rückweg zur Taverne, trat aus einer Seitengasse ein Dunkelelf vor sie. Gesehen hatte sie ihn nicht, war er doch so dunkel, wie die Nacht selbst schwarz war. Noch bevor Mirilanya sich entschlossen hatte, was sie jetzt am besten unternehmen könnte, beginnt der Fremde vor ihr zu sprechen:
"Vendui, holde Maid,
ich sah, dass Ihr alleine durch die Strassen Brockgratens' streift. Mögt Ihr vielleicht Begleitung haben,
oder Euch gar einer Gilde anschließen? Wenn Ihr Euch mit solchen Gedanken tragt, lest bitte den Aushang
der Gilde Lonewolf in der Gildenhalle.
Und bitte, seid so nett und gebt mir in jedem Falle, egal ob Ja oder Nein, Bescheid über Euren Entschluss.
Aluve'"
Danach verschwand er so lautlos, wie er erschien, in der Gasse, aus der er kam. Mirilanya blieb noch ein paar Sekunden, wie angewurzelt, stehen und überlegte, ob da jetzt wirklich jemand vor ihr gestanden und gesprochen hatte oder ob sie einfach nur übermüdet war und ihre Sinne ihr einen Streich gespielt hatten. Sie beschloss, dass dort wirklich jemand gewesen war da sich der Schauer, der ihr gerade über den Rücken lief, doch recht real anfühlte. Nachdem sie noch mal einen kurzen Blick in die Seitengasse geworfen hatte, mehr zur Beruhigung, als in der Hoffnung, die mysteriöse Gestalt noch einmal zu sehen, beeilte sie sich zur Taverne zurück zu kommen.
Die Nacht verlief eher unruhig, träumte sie doch davon, dass sie erneut diesen Weg entlang ging und an der Stelle, an der vorher der Dunkelelf vor ihr stand, jetzt ein Wolf aus der Gasse trat.
Am nächsten Morgen machte Mirilanya sich nach dem Frühstück auf um die Gildenhalle zu suchen. Sie hoffte dort etwas über den Dunkelelfen und seine Gruppe herauszufinden. Und ob Wölfe etwas damit zu tun hatten.
Die Halle zu finden erwies sich als nicht weiter schwierig und kurze Zeit später stand sie vor dem Aushang der Gilde Lonewolf. 'Aha', dachte Mirilanya, 'daher also der Wolf in meinem Traum. Sehr interessant.' Neben weiteren Details über die Gruppe gab es auch einen kleinen Grundriss der Stadt Wolfsheim, welche die Gilde ihr Eigen nannte. Neugierig zu erfahren, wie die Stadt wohl aussehen würde, schrieb sie einen Brief an den Unbekannten, in dem sie ihm mitteilte, dass sie in Brockgratens noch ein paar Dinge erledigen und dann die weite Reise nach Wolfsheim antreten würde. Dass sie auf einen Brief mit Adressat Unbekannt noch vor ihrer Abreise eine Antwort erhielt, verwunderte Mirilanya nicht mehr allzu sehr. Zu rätselhaft war ihr die Gestalt seinerzeit im Nachhinein vorgekommen. Er schrieb, dass er ihren Besuch erwarte. Ein paar Stunden nach erhalt seiner Nachricht war sie unterwegs nach Wolfsheim.
Die Reise selbst war lang und gefährlich. Mehrmals musste sie sich vor sonderbaren Kreaturen verstecken, weglaufen oder aber, wenn es nicht mehr anders ging, sich ihnen stellen. Doch selbst, wenn sie sich nicht mit wilden Geschöpfen herumschlagen musste, war der Weg nicht einfach. Mehrere Male stand sie vor Sümpfen, durch die es keinen direkten Weg zu geben schien, oder vor Flüssen und Seen über die es keine Brücken oder Fähren gab. Anderen Reisenden ist sie auf ihrem Weg nicht begegnet. Ob das jetzt gut oder schlecht war lässt sich auch jetzt, wo sie Wolfsheim lebendig erreicht hat nicht sagen, hörte man doch überall von Banditen, die Reisende ausraubten, oder freundlichen Wanderpriestern, die Reisende kostenlos heilten. Aus Furcht vor Ersteren verbrachte sie die Nächte auf Bäumen, eine Maßnahme, die ihr schon von klein auf von ihrer Mutter eingebläut worden war. Und doch wurde Mirilanya, trotz aller Vorsichtsmaßnahmen, während ihrer Reise das Gefühl nicht los, von jemandem oder etwas verfolgt zu werden. Sie fühlte sich dadurch nicht direkt bedroht, doch zerrte diese Ungewissheit auf Dauer an ihren Nerven. Ironischerweise beunruhigte sie das nächtliche Wolfsgeheul nicht im Geringsten, nahm sie es doch als Zeichen, ihrem Ziel beständig näher zu kommen.
Als Mirilanya dann letztendlich die Dächer von Wolfsheim erblickte, machte ihr Herz vor Freude einen Sprung. Sie hatte die Reise lebendig überstanden. Ihre Eltern wären sicherlich stolz auf sie gewesen, wüssten sie, was ihre Tochter gerade so trieb. Ihre erste Tat in Wolfsheim bestand darin, sich in der Taverne einzumieten und nach einem heißen Bad und einer warmen Mahlzeit in den Kissen ihres Bettes einzuschlafen.
Der Regen schränkte sie in ihren Möglichkeiten stark ein. Es drängte sie danach die Stadt zu erkunden und möglicherweise einen Hinweis auf den Dunkelelfen, dessen Namen sie immer noch nicht kannte, zu finden. Allerdings wollte sie auch nicht riskieren sich eine Erkältung ein zu fangen. Sie sah sich in ihrem Zimmer um. Was konnte sie sonst noch tun? Ganz untätig wollte sie auch nicht bleiben.
Sie konnte den Wirt fragen. Nur war sie nicht sonderlich erpicht darauf, hatten doch die meisten Wirte, denen sie bisher begegnet war, die schlechte Angewohnheit den Mund nicht halten zu können. Wenn sie jetzt nach einem Dunkelelfen fragte, würde am nächsten Tag wahrscheinlich die ganze Stadt wissen, was sie in der Stadt wollte. Diese Möglichkeit fiel also aus.
Ihr Blick blieb auf dem halb gelesenen Brief hängen und plötzlich hatte sie eine Idee. Es war nicht überwältigend aber angesichts der derzeitigen Situation, das Beste, was sie tun konnte. Mirilanya schnappte sich das Papier und verließ den Raum. Im Schankraum angekommen fragte sie den Wirt, ein Mann mit freundlichem Gesicht, er stellte sich als Grayson vor, nach Feder und Tinte, einem Hammer und zwei Nägeln.
Dafür erntete sie kritische Blicke von ihm. ‚Ob er jetzt wohl die Wachen ruft?’, ging es ihr durch den Kopf. Er tat nichts dergleichen. Ganz im Gegenteil. Mit einem „Ich werde einmal sehen, was ich da habe“, verschwand er in einem Hinterzimmer.
Mirilanya nutzte die Zeit um sich etwas in der Taverne um zu sehen. Sie war ordentlich geführt, soviel hatte sie schon beim ersten Eintreten bemerkt. Keine Schlammspuren auf dem Fußboden und es roch nicht nach Erbrochenem. Die Farbe an den Wänden schien auch noch nicht allzu alt zu sein. Eine Frau mit schwarzen Haaren putzte die ohnehin sauberen Tische. Wahrscheinlich hatte sie im Moment einfach nichts anderes zu tun. Grayson hatte seinen Laden anscheinend im Griff.
Ein leises Räuspern hinter ihr ließ sie sich wieder zur Theke umdrehen. Der Wirt stand wieder an seinem Platz und hatte Hammer, Nägel, eine Feder und ein leeres Tintenglas auf die Theke gelegt. Etwas enttäuscht blickte Mirilanya auf das leere Glas. Wie sollte sie ihr Vorhaben verwirklichen, wenn sie keine Tinte hatte?
„Ich habe jedoch schon neue Tinte bestellt“, versicherte er schnell, als er ihren Blick bemerkte. ‚Die angesichts der abgelegenen Lage der Stadt wohl noch Wochen brauchen wird, bis sie hier eintrifft’, vervollständigte Mirilanya den Satz in Gedanken.
„In der Zwischenzeit schreiben wir mit einem Kohlestück“, fuhr der Wirt fort und hielt ihr besagtes Schreibutensil hin. „Es sieht nicht unbedingt sauber aus, aber es erfüllt seinen Zweck.“ ‚Na denn’, dachte Mirilanya und nahm den angebotenen Kohlestift, sowie Hammer und Nägel an sich. „Vielen Dank, Grayson. Ich denke, für meine Zwecke muss das ausreichen.“
Sie setzte sich an einen der Tische und holte das Schreiben des Boten aus ihrer Tasche. Ihr Plan war simpel. Bevor sie das Papier nur unnötig verschwendete, in dem sie es einfach wegwarf, konnte es ihr noch einen letzten Dienst erweisen. Sie drehte den Brief um und schrieb, einigermaßen leserlich, eine kurze Notiz:
An den hier lebenden Dunkelelfen:
Ich habe Wolfsheim erreicht. Nicht sicher, da unterwegs viele Gefahren lauerten, doch lebendig.
Ein schönes Städtchen habt ihr hier. Hier lässt es sich bestimmt in Ruhe leben, scheint mir.
Doch genug vorerst. Ich möchte mich noch etwas von der Reise erholen, bevor ich weitere Dinge in Angriff nehme.
Gruß
M
Eine kurze Nachricht, die alles wesentliche beinhaltete und keine Rückschlüsse darauf ziehen ließ, wer sie war. Namen, die mit M begannen, gab es viele. Nachdem sie mit schreiben fertig war, prüfte sie noch einmal mit kritischem Blick das Geschriebene. Ihre Mutter würde die Notiz wahrscheinlich ohne sie durchzulesen einfach ins Feuer werfen. Sie hatte stets darauf geachtet, dass Mirilanya ordentlich, und mit Feder und Tinte, schrieb. Ein Kohlestift wäre unter ihrer Würde gewesen. ‚Muss an ihrer elfischen Abstammung liegen’, dachte Mirilanya mit einem Lächeln. Und wehe, die Buchstaben waren nicht sauber geschrieben oder sie fand einen Fehler. Dann gab es immer eine Predigt darüber, wie wichtig doch eine saubere Handschrift wäre. Ihr Vater war in dieser Hinsicht mit wesentlich weniger zufrieden.
Hauptsache, man kann es lesen, hatte er immer gesagt. Eine Aussage, die Gelegentlich zu interessanten Wortgefechten zwischen ihren Eltern geführt hatte.
Sie hatte sich immer über die Einfachheit der Menschen aufgeregt und er sich über den Perfektionismus der Elfen ausgelassen - elfische Hochkultur gegen menschlichen Minimalismus. Diese kleinen Reibereien hatten jedoch nie lange angedauert. Dafür mochten sie sich viel zu sehr. Sonst hätten sie schließlich nie zusammen gefunden und Mirilanya hätte nicht das Licht der Welt erblickt.
Das alles schien ihr jetzt so weit weg und noch länger her zu sein, während sie in der Taverne in Wolfsheim saß. Und in diesem Augenblick wurde ihr bewusst, wie sehr sie ihre Eltern vermisste.
Mirilanya riss sich von ihren Gedanken los. Im Augenblick hatte sie wichtigeres zu tun, als an ihre Eltern zu denken. Sie erhob sich, nahm Hammer, Nägel und Notiz und ging vor die Taverne. Dort nagelte sie ihr Schreiben auf Augenhöhe mit ein paar kräftigen Schlägen an den Türpfosten. Jetzt hieß es warten; auf besseres Wetter oder auf eine Nachricht. Je nachdem, was zuerst eintraf.
Der Rest des Tages verging langsam. Zu ihrer Erleichterung ließ der Regen zum Abend hin etwas nach. Sie beobachtete zwar einige Gäste dabei, wie sie ihre Notiz lasen, aber keiner hinterließ eine Nachricht. Immerhin konnte sie dem Wirt noch ein paar Informationen über die Stadt und Umgebung sowie ein gutes Abendessen entlocken. Den Rest des Abends verbrachte sie damit sich von ein paar weiteren Gästen in die Kunst des Würfelspielens einführen zu lassen. So nahm dieser Tag doch noch ein halbwegs annehmbares Ende.
Am nächsten Morgen erwachte sie mit dem ersten Hahnenschrei, blieb aber noch etwas liegen. Sie stellte fest, dass der Regen aufgehört hatte. Das Trommeln auf dem Dach und der Fensterscheibe fehlte. Der Tag fing gut an. Mit einem Lächeln beschloss sie dann doch aufzustehen. Nach einem guten Frühstück trat sie vor die Taverne um etwas überrascht festzustellen, dass ihre Notiz verschwunden war. Nicht etwa vom Wind abgerissen, sondern samt den Nägeln vom Türbalken entfernt. Mit einem Stirnrunzeln betrachtete sie die Stelle. `Wird schon seine Richtigkeit haben`, dachte sie sich.
Mirilanya ließ die Sache mit der Nachricht vorerst auf sich beruhen und entfernte sich von der Taverne. Als erstes wollte sie das Rathaus aufsuchen. Grayson, der Wirt, hatte ihr freundlicherweise den Weg dorthin beschrieben, sowie zu allen anderen wichtigen Gebäuden auch. Im Rathaus angekommen schaute sie sich erst einmal um. Es gab eine Art Wegweiser für diverse Räume in dem Gebäude und einen großen Aushang, der in verschiedene Kategorien unterteilt war. Neuigkeiten, Handel, Diplomatie und Allerlei, waren die übergeordneten Kategorien. Handel betraf hauptsächlich den Marktplatz, der sich gleich neben dem Rathausplatz befand.
Gegenüber dem Rathaus stand, nach Auskunft des Wirtes, die Botschaft; die erste Anlaufstelle für Gesandte aus anderen Städten oder Diplomaten anderer Gilden.
Unter dem Punkt ‚Diplomatie’ fand sie einen Aushang über die in der Stadt ansässige Gilde Lonewolf, mit allen wichtigen Informationen über Gildenleitung, Struktur, Anforderungen und Erwartungen an neue Mitglieder und einer Auflistung dessen, was Mitgliedern geboten wird. Praktischerweise war auch gleich das Anmeldeprozedere beschrieben, wenn man mit der Überlegung spielte, sich in den Dienst der Gilde zu stellen. Die offiziellen Formulare dazu gab es in einem Zimmer unweit des Aushanges. Nachdem sie dort angeklopft hatte wurde Mirilanya prompt hinein gebeten und konnte ihr Anliegen vorbringen. Der zuständige Beamte drückte ihr auch gleich ein Formular, Feder und Tinte in die Hand und verwies sie an einen Tisch in der Eingangshalle. Dort könne sie das Formular ausfüllen.
Die Fragen waren eher allgemeiner Natur: Name, Rasse, Beruf und Erfahrung in selbigem. War man schon einmal Mitglied einer Gilde? Wenn ja, warum hat man sie verlassen? Wie könnte man die Gilde Lonewolf bereichern?
Mirilanya ließ sich viel Zeit beim beantworten der Fragen. Nicht, dass es ihr irgendwelche Schwierigkeiten bereitete, sie zu beantworten, aber sie wollte dies so ausführlich, wie möglich tun.
Eine gute Stunde später übergab Mirilanya das Formular und die Schreibutensilien wieder an den Mitarbeiter, von dem sie sie empfangen hatte. Der Mann, offenbar nur knapp ausgefüllte Bewerbungsformulare gewohnt, legte angesichts ihrer Eintragungen die Stirn in tiefe Falten und sah sie mit einem fragenden Blick an. Mirilanya erwiderte nichts sondern schenkte ihm einfach nur ein Lächeln, was den armen Mann nun vollends aus der Fassung brachte, und verließ den Raum.
‚Das wäre erledigt’, dachte sie beim Verlassen des Rathauses. Nun hatte sie alle Zeit der Welt sich genauer in der Stadt um zu sehen. Sie überquerte den Rathausplatz und umrundete die Botschaft und fand sich danach auf einer der Hauptstraßen der Stadt wieder. Zu ihrer linken konnte sie einen Blick auf die Kapelle der Stadt werfen, vor sich sah Mirilanya, durch die nicht sehr dicht stehenden Bäume, den See der Stadt. Ein wirklich schönes Gebäude, fand sie. Sie wendete sich jedoch nach rechts und folgte, zwischen See und Marktplatz, weiter der Straße. An einer Kreuzung blieb sie stehen. Dort war die Taverne, von wo aus sie gestartet war. Links stand ein Turm, den sie zuerst für einen Wachturm gehalten und daher nicht weiter beachtet hatte.
Jetzt sah sie etwas genauer hin und konnte erkennen, dass der Turm ungenutzt sein Dasein fristete. Die für Wachtürme üblichen Schießscharten fehlten. Stattdessen hatte er Fenster, so wie jedes normale Haus auch. Jedoch waren sie von innen verhangen. Es war wohl ein Turm, den man bewohnen konnte. Ein Blick an die Tür bestätigte ihre Vermutung. Dort hing ein Schild mit detaillierten Informationen. Der frühere Besitzer war ein Waldläufer gewesen, der den Namen ‚Flinkpfeil’ trug. Wie er zu diesem Namen gekommen war, wurde leider nicht erwähnt. Allerdings, dass er in einem, Mirilanya unbekannten, fremden Land immer wieder Truppen des dortigen Königs auf verschlungenen Pfaden durch unwirtliches Gelände geführt, Verletzte gerettet und versorgt, sowie feindliche Stellungen ausgekundschaftet hatte. Dies musste ihm wohl einen Adelstitel oder zumindest eine Menge Gold eingebracht haben, so dass er sich hier diesen Turm entweder gebaut oder gekauft und sich darin zur Ruhe gesetzt hatte. Der ausgewiesene Preis verriet ihr warum das Gebäude seit knapp 10 Jahren leer stand: Er war so hoch, dass ihn sich wohl niemand leisten konnte. Außerdem sollte man sich beim Stadtherrn melden, wenn man mit dem Gedanken spielte, den Turm erwerben zu wollen. Wahrscheinlich war der Turm deshalb so teuer. Man wollte einfach nicht, dass irgendwer darin wohnte.
‚Schade’, dachte Mirilanya, ‚wäre bestimmt eine gute Wohnung gewesen.’ Nur leider hatte sie weder das Gold für so eine Anschaffung noch kannte sie das Stadtoberhaupt.
Mirilanya bog nach links ab und folgte der Straße nach Norden. Auf der rechten Seite fand sie wieder ein größeres, teuer aussehendes Gebäude. Es sah ebenfalls leer stehend aus, nur leider sah sie diesmal kein Schild, da sie das Haus von hinten betrachtete. Es machte allerdings auch so einen sehr guten Eindruck. ‚Schöne Häuser hat’s hier’, ging es ihr durch den Kopf während sie ihren Weg fortsetzte.
Über die Mauer zu ihrer Linken konnte sie, durch ein paar Bäume hindurch, einen Blick auf das dahinter liegende Herrenhaus werfen. Als sie die Abzweigung erreichte, die zu diesem Haus führte, konnte sie es besser erkennen. Da es alleine, in einem vor neugierigen Blicken überwiegend geschützten Bereich, stand, musste dieses Gebäude einer Person gehören, die in der Stadt etwas zu sagen hatte. Mirilanya sah zwar niemanden, traute sich aber trotzdem nicht, näher heran zu gehen. Sie wollte sich keinen Ärger einhandeln, in dem sie Privatbesitz betrat. Zumal es sicher nicht gut machen würde, jetzt, wo sie sich gerade um Aufnahme in die örtliche Gilde beworben hatte. Sie setzte ihren Weg fort. Vielleicht würde sich später noch die Gelegenheit ergeben, das Haus näher zu betrachten.
Das nächste Gebäude, vor dem sie stehen blieb, übertraf die bisher gesehenen um einiges in Punkto Ausmaße. Allerdings war es dafür auch wesentlich weniger ansehnlich. Des Weiteren patrouillierten Wächter um das Gebäude. Die Tore waren geöffnet und viele Personen liefen geschäftig hin und her, wogen, maßen, verluden und entluden Waren. Sie stand vor dem Lagerhaus der Stadt Wolfsheim. Es war zwar gut zu sehen, dass die Stadt über ausreichend Vorräte aller Art verfügte, aber sonderlich interessieren tat es Mirilanya im Augenblick nicht. Sie wollte mit solchen Dingen warten, bis sie von der Gilde einen positiven oder negativen Bescheid über ihre Bewerbung erhielt. Vorher machte es einfach keinen Sinn darüber nachzudenken. Im Moment war sie ja nur Gast in der Stadt. Sie ging weiter auf das Wachgebäude zu, das sich links neben dem Lager befand. Ein Wächter stand leicht gelangweilt am Eingang, eine Hand mit dem Daumen am Gürtel eingehakt, mit der Anderen den Speer haltend, und musterte sie ohne großes Interesse. Einen weiteren Wächter konnte sie im Turm sehen, der direkt an das Wachhaus angebaut war. Er lehnte an den Zinnen und genoss die Aussicht. Allerdings blickte er nicht auf die Felder vor der Stadt, sondern Richtung Stadtkern. Das verwunderte Mirilanya etwas. Erwartete er etwa einen feindlichen Angriff aus der Mitte der Stadt? Sie drehte sich um, um seinem Blick zu folgen, blickte jedoch nur gegen eines der Häuser der Stadt. Sie wusste, dass sich dahinter der See befand, aber so spannend konnte der nun auch nicht sein.
Lautes Geschrei zu ihrer rechten machte weitere Überlegungen unmöglich und sie schaute in die entsprechende Richtung um herauszufinden, was diesen Lärm verursacht haben könnte. Ein paar Meter weiter war eine Werkstatt für Holzverarbeitung. Davor stand ein Mann, der ziemlich ungehalten zu sein schien. Und er ließ seinen Unmut anscheinend an seinem Lehrling aus. Gut möglich, dass Letzterer etwas falsch oder eine wichtige Arbeit zunichte gemacht hatte. Mirilanya ging näher heran. Der Junge kämpfte tapfer gegen die aufsteigenden Tränen an, würde den Kampf aber über kurz oder lang verlieren. Besonders jetzt, wo der Meister ihm seine Ohren lang zog um ihn noch zusätzlich zu bestrafen. Sie beschloss, ihm ein wenig zu helfen und stellte sich bewusst in hinter den Jungen in das Blickfeld des Alten. Dieser bemerkte sie zuerst nicht, unterbrach seinen Schimpfmarathon aber, als sie anfing, mit einem Holzstück ungeduldig gegen einen Metallbehälter zu schlagen.
„Wie lange soll ich denn hier noch stehen und warten“, rief Mirilanya ihm zu. Sie versuchte recht ungeduldig auszusehen. Es schien zu klappen.
Etwas überrascht von ihrem Auftreten sah sie der Meister erst nur sprachlos an, ließ dann aber von seinem Lehrling ab und kam auf sie zu.
„Verzeiht meine Unaufmerksamkeit, aber dieser Nichtsnutz von einem Lehrling hat beim Ausbessern der Überdachung des Brunnens seinen Hammer hinein fallen lassen. Jetzt muss ich ihm einen neuen kaufen, diesem Bengel. Aber ich will euch damit nicht langweilen. Was kann ich denn für euch tun, meine Dame?“
Mirilanya warf einen kurzen Blick an dem Meister vorbei, doch der Junge hatte sich schon aus dem Staub gemacht. ‚Gut’, dachte sie.
„Ihr könnt mir zeigen, was ihr hier für Waren herstellt und verkauft. Ich denke, ich werde in nächster Zeit Bedarf für einen neuen Bogen und natürlich Pfeile haben. Außerdem könnt ihr mich in eure Werkstatt einweisen, denn ich habe vor, hier die eine oder andere Stunde zu verbringen um diverses selbst herzustellen. Ihr vermietet doch eure Werkstatt an Außenstehende?“
Den Rest des Vormittages und der Großteil des Nachmittages verbrachte Mirilanya zusammen mit dem Meister in der Forstanlage, dem Sägewerk und natürlich der Werkstatt und ließ sich die verschiedenen Geräte und Vorgehensweisen genau erklären. Das meiste wusste sie schon, da sie ja in Brockgratens bereits selbst Pfeile hergestellt hatte, aber sie hörte geduldig zu und stellte gelegentlich eine Frage um den Meister bei der Sache zu halten. Dieser ging dabei vollkommen in seinem Element auf und redete, als wenn es kein Morgen geben würde. Seinen schusseligen Lehrling schien er völlig vergessen zu haben, was ihr nur Recht war.
Als die Sonne sich anschickte hinter dem Horizont zu verschwinden, drückte Mirilanya dem Meister ein paar Goldstücke für seine Mühen in die Hand und verabschiedete sich. Hatte diese Aktion doch auch ihre guten Seiten gehabt. Sie war jetzt im Bilde über die Möglichkeiten in dieser Stadt Holz zu gewinnen und zu verarbeiten. Der Meister war glücklich darüber Teile seines Wissens an jemanden weitergegeben haben zu können und der Lehrling war wohl froh, nicht noch weiter bestraft worden zu sein.
Mirilanya begab sich zurück zur Taverne. Eigentlich hatte sie nur einen Rundgang durch die Stadt machen wollen und war in der Werkstatt hängen geblieben. So hatte sie nur die eine Hälfte der Stadt gesehen, was sie jetzt aber nicht weiter störte. Den Rest würde sie ein anderes Mal besichtigen. Die Stadt lief schließlich nicht davon.
Im Augenblick verspürte sie nur den Wunsch, Staub und Sägespäne los zu werden und nach einem guten Abendessen, und vielleicht einem Becher Met, schlafen zu gehen.
In der Taverne angekommen fragte sie den Wirt, ob eine Nachricht für sie angekommen wäre. Als dieser verneinte bestellte sie ein Abendessen und ging in ihr Zimmer um sich zu waschen. Danach begab sie sich wieder in den Schankraum und nahm ihr Essen in Empfang.
Am nächsten Morgen blieb Mirilanya länger als gewöhnlich im Bett liegen. Zum einen wollte sie einfach mal wieder ausschlafen, zum anderen wusste sie im Augenblick nicht, was sie sonst hätte tun können, um den Tag zu verbringen. Zur Mittagszeit klopfte jemand leise an ihrer Zimmertür. Als Mirilanya darauf nicht reagierte öffnete die Person auf der anderen Seite vorsichtig die Tür und steckte ihren Kopf durch den so entstandenen Spalt. „Ist bei euch alles in Ordnung, meine Dame?“ wollte die Stimme wissen. „Ihr wart heute Morgen nicht beim Frühstück und jetzt haben wir schon Mittag.“ Mirilanya drehte sich umständlich in ihrem Bett herum und blickte zur Tür. Der Kopf gehörte der Tochter des Wirts. Sie sah etwas besorgt aus. „Mir geht es gut“, sagte Mirilanya, „ich hatte einfach nur keine Lust aufzustehen. Richte deinen Eltern aus, dass bei mir alles in Ordnung ist und sie sich keine Sorgen machen müssen.“ Das Gesicht des Mädchens erhellte sich. „Sehr wohl“, waren ihre Worte, bevor sie die Tür wieder schloss und sich nach unten begab. Mirilanya blieb noch eine kleine Weile liegen und genoss die Wärme des Bettes, bevor sie aufstand um sich anzukleiden.
Unten angekommen konnte sie von Graysons Frau noch ein paar Scheiben Brot mit Schinken bekommen. Der Wirt selbst hatte die Frühstückszeit für beendet erklärt und wollte nichts mehr herausrücken. Die darauf folgende kleine Meinungsverschiedenheit zwischen den beiden beobachtete sie mit einem Lächeln. Seine Frau hatte eindeutig die besseren Argumente.
Mirilanya verließ die Taverne mit ihrer Beute und ging zum Rathausplatz. Dort setzte sie sich auf eine Bank und beobachtete das Kommen und Gehen der Bewohner der Stadt. ‚Die Marktschreier machen einen ganz schönen Lärm’, dachte sie sich. ‚Ob es da wohl etwas besonderes gibt?’ Nachdem sie ihre Brote aufgegessen hatte, begab sich Mirilanya auf den Marktplatz. Dort herrschte jetzt zur Mittagszeit ein reges Treiben. Verkäufer priesen ihre Waren an und feilschten mit den potentiellen Käufern hart um jede Goldmünze. Neben den offensichtlichen Dingen, wie Lebensmitteln, fand man hier anscheinend alles, was das Herz begehrte. Waffen, Rüstungen und sonstige benötigte Ausrüstung. Rohstoffe und Handwerksmaterialien. Stoffe und allerhand anderes seltsames Zeug, dessen Nutzen eher zweifelhaft war. Sie begab sich an einen Stand der Bögen verkaufte und verwickelte den Verkäufer in ein Gespräch. Sie unterhielt sich rund zwei Stunden mit ihm und ließ sich verschiedene Bögen zeigen. Schließlich spielte sie mit dem Gedanken, sich, früher oder später, einen eigenen Bogen zuzulegen. Der, den sie bei der Wache in Brockgratens erhalten hatte, war ein recht einfaches Modell. Klein und mit kurzer Reichweite. Das entsprach nicht gerade ihrer Vorstellung von einem guten Bogen. Aber nun schien es, als könnte sie ihn bald ersetzen. Sie musste nur noch das nötige Gold beschaffen. Mirilanya bedankte sich bei dem Händler für seine Geduld und seine Auskünfte und verabschiedete sich. Sie schlenderte weiter über den Marktplatz und blieb bei einem Rüstungshändler stehen. Dieser hatte Lederrüstungen in seinem Sortiment. Auch hier ließ sie sich beraten, verließ den Stand dann aber ohne neue Rüstung. Allerdings gab der Händler auch hier wieder bereitwillig Auskunft, da er hoffte sie bald erneut als Kundin begrüßen zu dürfen.
Alles weitere auf dem Marktplatz interessierte Mirilanya nicht sonderlich und so begab sie sich zur Taverne zurück. Die Sonne stand nicht mehr ganz so hoch am Himmel, aber für das Abendbrot war es noch immer zu früh. Was also sollte Mirilanya mit der Zeit bis zum Abend anfangen? Sie dachte an ihre Eltern und fragte sich, wie es ihnen wohl in diesem Augenblick gehen würde und was sie gerade taten. Wahrscheinlich fragten sie sich, wo ihre Tochter abgeblieben war und was sie tat.
Sie beschloss ihnen einen Brief zu schreiben. Sie ging zum Wirt und bat ihn um ein paar Blatt Paper und seinen Kohlestift. „Möchtet ihr auch wieder einen Hammer und Nägel dazu haben?“ wollte er wissen. „Nein, nein. Diesmal nicht. Es soll ein normaler Brief werden“, erwiderte Mirilanya mit einem Lächeln. Sichtbar erleichtert, keine Angst mehr um seinen Türpfosten haben zu müssen, ging der Wirt in ein Hinterzimmer um das Gewünschte zu holen. Er legte die Sachen wortlos auf die Theke um sich danach wieder anderen Dingen zuzuwenden. Mirilanya setzte sich mit Kohlestift und Papier an einen Tisch am Fenster, legte sich die Dinge zurecht und überlegte, wie sie am besten beginnen könnte. Als erstes kam natürlich die Anrede aufs Papier, gefolgt von den üblichen Versicherungen, dass es einem gut gehe. Sie legte eine Pause ein und betrachtete das Geschriebene. ‚Vielleicht sollte ich nicht erwähne, wo ich mich zurzeit befinde’, dachte sie. ‚Von Schönschrift kann hier nicht die Rede sein.’ Ihre Mutter würde wahrscheinlich ihre Sachen packen und ihr nachreisen, nur um ihr auf die Finger zu klopfen und ihr eine ihrer Predigten zu halten. Kein schöner Gedanke, trotzdem musste Mirilanya lächeln. Ihr fehlten ihre Eltern. Sie machte sich wieder daran, ihren Brief zu schreiben. Die unheimliche Begegnung mit dem Fremden in Brockgratens kam ebenso auf das Papier, wie die anschließende Reise nach Wolfsheim, mit allen Vorkommnissen. Zum Ende ihres Briefes beschrieb sie noch die Stadt selbst, die Möglichkeiten, die sich ihr hier boten und dass sie sich bei der örtlichen Gilde beworben hatte. Zum Schluss setzte sie noch die üblichen Abschiedsworte unter den Brief und unterschrieb ihn. Beim abschließenden Korrekturlesen konnte sie keinen Fehler finden und lehnte sich entspannt zurück. Die Sonne stand jetzt kurz über den Baumwipfeln und schien direkt durch die Fenster der Taverne, was den Innenraum in ein angenehmes Licht tauchte. ‚Den Brief werde ich morgen aufgeben. Der für die Post zuständige Mitarbeiter im Rathaus wird wohl schon nach Hause gegangen sein’, dachte Mirilanya sich. Sie erhob sich und brachte den Kohlestift und das verbliebene Papier zum Wirt zurück. Ohne dazu aufgefordert zu werden, legte sie ihm außerdem noch ein Goldstück dazu: als Bezahlung für die beschriebenen Seiten. Danach begab sie sich in den ersten Stock zu ihrem Zimmer um dort den Brief abzulegen und sich etwas frisch zu machen. Anschließend legte sie sich noch für eine halbe Stunde auf ihr Bett, einzig um noch etwas Zeit tot zu schlagen.
Ein leichtes Grummeln in ihrem Magen bewog sie dann doch nach unten zu gehen und etwas zu essen. Die Gäste, mit denen sie am Vorabend gewürfelt hatte, waren auch wieder zugegen. Sie wurde auch wieder an ihren Tisch gebeten, hatte sie sich doch beim letzten Mal gut gehalten und, mit ein paar gut platzierten Witzen, als annehmbare Unterhalterin erwiesen. Den Rest des Abends verbrachte sie in dieser geselligen Runde. Mal gewann sie ein paar Goldstücke, mal verlor sie welche. Außerdem erfuhr sie von zweien der Gäste, dass sie sich ebenfalls bei der Gilde um Aufnahme beworben hatten. Einer der beiden war jedoch recht unzufrieden über die Art und Weise, mit der man sich bewarb. „Einen Zettel auszufüllen ist keine Art sich zu bewerben“, war seine Meinung. Er hätte sein können lieber in einem offenen und ehrlichen Zweikampf unter Beweis gestellt. „Wenn sie euch aufnehmen, werdet ihr bestimmt noch Gelegenheit dazu haben, euch zu beweisen“, war Mirilanyas Antwort.
Er quittierte dies mit einem Grunzlaut, den sie als Zustimmung wertete. „Wie lange wartet ihr denn schon auf eine Antwort“, fragte sie weiter.
„Sechs Tage“, war die Antwort. „Die lassen sich ganz schön Zeit.“
„Vielleicht muss man sich die Antwort dort wieder abholen, wo man den Fragebogen abgegeben hat“, vermutete Mirilanya. „Wir können morgen einmal zum Rathaus gehen und nachfragen. Kostet schließlich nichts.“
„Nun gut. Versuchen können wir’s.“
Damit war das Thema erst einmal beendet und man widmete sich allgemeineren Themen. Mirilanya selbst verabschiedete sich nach drei weiteren Runden, von denen sie eine verlor und die anderen beiden gewann. Alles in allem verließ sie den Tisch mit einem kleinen Gewinn. Man verabredete sich noch für den nächsten Morgen um gemeinsam zum Rathaus zu gehen. Danach begab sie sich in den ersten Stock in ihr Zimmer um sich schlafen zu legen. Aus der gegenüberliegenden Tür drang lautes schnarchen zu ihr. Der Gast musste heute im Lauf des Tages irgendwann eingezogen sein. Sie schloss ihre Zimmertür, aber das Schnarchen hörte sie immer noch. Zwar war das Geräusch leiser als vorher, jedoch weiterhin präsent. Mirilanya legte sich in ihr Bett, blies die Kerze aus und zog die Decke bis zum Kinn. Sie würde schlecht schlafen in dieser Nacht.
Irgendwo in der Ferne heulte ein Wolf sein einsames Lied.
Mirilanya schlief in dieser Nacht so schlecht, wie sie erwartet hatte. Immer, wenn sie gerade eingeschlafen war, weckten sie die Schnarchgeräusche aus dem gegenüberliegenden Zimmer. So verbrachte sie die Nacht in einem Dämmerzustand, der ihr keine wirkliche Erholung brachte. Dementsprechend müde war sie, als am nächsten Morgen die ersten Sonnenstrahlen durch ihr Fenster fielen und sie sich zum wiederholten Male in ihrem Bett herum drehte. Als kurz darauf irgendwo ein Hahn zu krähen begann, beschloss Mirilanya auf zu stehen. Das Frühstück bestand aus einem Becher Kuhmilch, vom nahe gelegenen Bauernhof, einem Ei, etwas gebratenem Fleisch und Brot. Alles in allem, ein nicht zu verachtendes Mahl, jedoch aß sie ohne großen Appetit. Sie fühlte sich wie gerädert. Auch die freundlichen Worte der Frau des Wirts konnten sie nicht sonderlich aufmuntern. Da waren die plötzlich auftretenden, recht lauten, polternden Geräusche aus dem ersten Stock schon besser. Irgendwie verband Mirilanya damit die Hoffnung, dass das Sägewerk aus seinem Zimmer verschwinden würde und sie noch ein wenig Schlaf bekommen könnte, bevor sie zum Rathaus ging. Sie blieb noch etwas auf ihrem Platz sitzen und starrte vor sich auf den Teller, während es über weiter rumpelte. Da sie jedoch nicht am Tisch sitzend einschlafen wollte, stand sie auf, brachte ihren Teller zur Theke zurück und wechselte noch ein paar Worte mit der Wirtin. Die Geräusche oben wurden leiser, woraus Mirilanya schloss, dass die Person, womit auch immer sie sich gerade beschäftigt hatte, zu einem Ende gekommen war. Ihre Vermutung wurde auch sogleich bestätigt. Sie hörte eine Tür, die sich mit einem Knarren öffnete und kurz darauf mit einem Knall, der wahrscheinlich jeden, der noch schlief, geweckt hatte, wieder geschlossen wurde. Jemand stampfte zur Treppe und kam nach unten. Der Anblick ließ sie stocken. Herunter kam der dickste Mann, den sie in ihrem bisherigen Leben gesehen hatte. Unter jedem seiner Schritte ächzten und stöhnten die Treppenstufen. Er stellte sich schwer atmend neben ihr an die Theke und wünschte einen guten Morgen. Danach bestellte er ein reichhaltiges Frühstück und suchte sich einen, für ihn, geeigneten Tisch. Mirilanya fragte die Wirtin, ob sie sie kurz vor der Mittagszeit wecken könne. Als diese bejahte, bedankte sich Mirilanya, und beeilte sich in ihr Zimmer zu kommen. Jetzt hatte sie die Möglichkeit doch noch ein paar Stunden Schlaf zu bekommen.
Das klopfen an ihrer Tür kam, ihrer Meinung nach, viele Stunden zu früh. Die Wirtin hatte Wort gehalten und sie, wie gewünscht, vor der Mittagszeit geweckt. Mirilanya schwang ihre Beine über die Bettkante und griff nach ihrem Hemd. Sie versuchte noch, ihre Haare einigermaßen zu ordnen, gab den Versuch aber auf. Am Ende ließ sie sie einfach lose liegen. Bei Bedarf, konnte sie sie ja immer noch mit einem Band zusammenbinden oder sie einfach hinter ein Ohr legen.
Wieder einigermaßen erholt begab sich Mirilanya nach unten und bedankte sich bei der Wirtin. An einem der Tische erblickte sie dann auch schon die Würfelgemeinschaft der vorherigen Abende. Sie ging darauf zu und begrüßte die Runde. Kurz darauf erhoben sie die Männer und es ging erst einmal vor die Taverne. „Wenn nichts dagegen spricht, dann können wir uns ja auf den Weg machen“ sagte Mirilanya. Das allgemeine Gemurmel deutete sie als Zustimmung und ging mit kleinen Schritten voraus. Die Truppe sah nicht allzu gut aus, an diesem Morgen. Ob es daran lag, dass sie wohlmöglich gleich erfahren würden, was ihnen die Zukunft bringen würde, ging es ihr durch den Kopf. Oder waren sie einfach am gestrigen Abend noch länger bei Würfeln und Wein in der Taverne sitzen geblieben? Sie blickte über die Schulter auf die kleine Gruppe hinter ihr, die ihr in kurzem Abstand folgte, überlegte es sich dann aber anders und sagte nichts.
Sie überquerten die Kreuzung und passierten den Turm, den Mirilanya schon genauer in Augenschein genommen hatte. Sie dachte wieder darüber nach, was dieses Gebäude für eine hervorragende Wohnung abgeben würde. Ihre Begleiter hatten dafür kein Auge übrig. Sie waren dabei erneut ihren Unmut über die Formalitäten der Anmeldung Luft zu machen. Mirilanya lächelte in sich hinein und setzte den Weg fort.
An der Botschaft bogen sie in den kleinen Weg ein, der zum Rathausplatz führte. Dort angekommen blieb Mirilanya stehen und drehte sich zu den Anderen um. „So, da wären wir. Wer von euch möchte sein Glück als Erster versuchen?“ Niemand antwortete. „Nngng. Vom hier rum stehen erfahren wir’s auch nicht. Ich werd’ da jetzt reingehen. Ich hoffe für den Kerl in seinem Büro, dass sie die richtige Entscheidung getroffen haben“ ließ der Mensch, den Mirilanya insgeheim ‚den Schläger’ getauft hatte, verlauten und setzte sich in Bewegung. Er stapfte mit grimmiger Entschlossenheit zur Eingangstür und rempelte eine ältere Frau an, die gerade aus dem Rathaus kam. Überrascht davon, dass ihr jemand direkt vor der Tür entgegenkam, verteilte die Dame die Papiere, die sie mit sich trug, in hohem Bogen um sich herum in der Luft, von wo aus sie dann langsam zu Boden schwebten. „Ungehobelter Rüpel!“ rief sie ihm noch nach, aber das störte ihn wohl wenig. Der Stadtwächter neben dem Tor machte keine Anstalten den Mann zur Rede zu stellen. Wahrscheinlich war das in diesem Augenblick die gesündeste Entscheidung, die er treffen konnte.
Sie warteten. Es vergingen ungefähr fünf Minuten in denen nichts weiter passierte. Die Frau war damit beschäftigt ihre Papiere wieder einzufangen. Anscheinend waren einige der Schriftstücke bei der Aktion wohl in Mitleidenschaft gezogen worden, denn die Rathausmitarbeiterin ging wieder auf die Tür zu, aus der sie gerade gekommen war. Zu ihrem Glück war sie nicht mehr die Schnellste, denn sonst hätte sie die Tür, die in diesem Augenblick stark beschleunigt aufschwang, direkt erwischt und die Rathaustreppe hinunter katapultiert. Der ‚Schläger’ verließ, einige starke Schimpfworte rufend, das Rathaus und verschwand in Richtung Taverne. Offensichtlich war seine Bewerbung nicht akzeptiert worden. Mirilanya sah ihm nach. Er bahnte sich seinen Weg direkt durch die Leute, die auf dem Marktplatz ihren Geschäften nachgingen. Lautes Geschimpfe zeugte von der Art, mit der er den Platz überquerte. Sie sah sich zu ihren verbleibenden Begleitern um doch die schüttelten nur mit dem Kopf. Sie konnten sich sein Verhalten wohl ebenso wenig erklären. „Na, dann werde ich mal mein Glück versuchen“, sagte Mirilanya und ging auf das Rathaus zu. „Wartet. Wir kommen auch mit. Vielleicht hat unser Kamerad da drinnen etwas zerlegt oder sogar jemanden verletzt.“ Sie wartete kurz und dann betraten sie zusammen das Rathaus. Der Vorraum mit dem Wegweiser und dem Aushang sah noch so aus, wie sie ihn in Erinnerung hatte. Nichts schien in Mitleidenschaft gezogen worden zu sein. Mit Ausnahme der älteren Dame von vorhin, die jetzt auf einer Bank saß und wohl noch immer leicht unter Schock stand. Mirilanya ging auf sie zu: „Ist alles in Ordnung mit euch?“ Die Frau blickte kurz nach oben: „Ja, … ja. Alles in Ordnung.“ Danach senkte sie ihren Blick wieder und ging ihren Gedanken nach.
Sie setzten ihren Weg zu dem Zimmer fort, wo sie ihre Bewerbungen abgegeben hatten und trafen einen recht ratlosen Mitarbeiter, der vor seinem Raum stand und sich zu fragen schien, wie er die Tür, die da vor ihm lag, wohl seinem Vorgesetzten erklären könnte. Es bedurfte keiner weiteren Erklärung: ihre Würfelbekanntschaft war über seine Ablehnung wohl so in Rage geraten, dass er die Tür aus den Angeln getreten hatte. ‚Ein Musterbeispiel an Selbstbeherrschung’, dachte Mirilanya. Sie halfen dem Mann erst einmal die Tür an die Wand zu lehnen.
„Wir sind hier um uns nach unseren Bewerbungen zu erkundigen.“ Das Gesicht des Mannes verfinsterte sich etwas. „Das war der Herr, der die Tür auf dem Gewissen hat, auch. Wenn jeder auf eine Ablehnung so reagiert, fürchte ich um den Fortbestand unserer schönen Stadt.“ Er ging in sein Büro und suchte, in einer für den Laien nicht überschaubaren Anzahl von Fächern und Schubladen, nach ihren Bewerbungsunterlagen. Die ersten Umschläge, die er fand, übergab er an Mirilanyas Begleiter. Diese öffneten sie in freudiger Erwartung auch sofort, machten aber kurz darauf ziemlich lange Gesichter. Ihre Schreiben enthielten wohl nicht die gewünschten Antworten. „Gibt es auch schon eine Antwort für mich?“ fragte Mirilanya den noch immer Suchenden. „Oder soll ich in ein oder zwei Tagen noch einmal vorbeischauen?“ Dieser unterbrach seine Suche für einen kurzen Moment. „Nein, wartet. Für euch war auch ein Umschlag dabei. Ich weiß nur nicht mehr genau, wo ich ihn hingelegt hatte.“ Ihre Begleitung verabschiedete sich von ihr. Sie würden die Stadt verlassen und woanders ihr Glück suchen. Mirilanya wünschte ihnen viel Erfolg.
Sie lehnte sich mit dem Rücken an die Wand und besah sich den Raum vor ihr etwas genauer. Er war ausreichend groß und wurde durch zwei Fenster bei Tag und ein paar Öllampen zu dunkleren Zeiten beleuchtet. Etwa in der Mitte stand ein großer Tisch, der wohl als Schreibtisch dienen musste. Darauf stapelten sich Ablagefächer und Papierstapel. Dahinter ein ziemlich abgenutzter Stuhl für den Mitarbeiter. Der Rest des Raumes wurde von einer Sitzgelegenheit für Besucher, großen Regalen und Schränken eingenommen. Alles war mit kleinen Schildern versehen zur besseren Orientierung. „Ich suche einen großen Umschlag,“ er deutete die Größe an, „der zudem das Siegel unseres Stadtherren trägt. Vielleicht habt ihr ihn entdeckt?“ Mirilanya hob eine Augenbraue. Wie sollte sie hier etwas entdecken? Für sie sah dieser Raum nach dem totalen Chaos aus. „Habt ihr schon in eurer Ablage unter ‚M’ für Mirilanya nachgesehen? Ist es möglich, dass ihr den Umschlag dort abgelegt habt?“ Das Mienenspiel des Mannes schwankte zwischen der Freude, das Schriftstück zu finden, und gekränktem Stolz, da er wohl der Ansicht war, der Herr in seinem kleinen Bereich zu sein. Trotzdem machte er sich auf, die entsprechende Schublade zu öffnen und dort zu suchen. „Mirilanya, sagt ihr? M… Me… Mi.. Mia… Mina.. Mir.. Mirilanya.“ Er hielt etwas überrascht inne. „Tatsache. Das scheint euer Umschlag zu sein. Nur warum ist er in dieser Ablage? Diese ist nur für Leute gedacht, die einen festen Wohnsitz in der Stadt haben.“ Er übergab Mirilanya den Brief, welche ihn mit skeptischem Blick entgegennahm. „Ihr könnt dort auf der Bank Platz nehmen, falls ihr den Inhalt sofort lesen wollt.“ ‚Aber natürlich will ich den Brief sofort lesen’ dachte Mirilanya, setzte sich und brach das Siegel auf.
‚Für eine Ablehnung zu viel Inhalt’ war ihr erster Gedanke. Es sei denn, sie hatten ihr Schreiben mit zurückgeschickt. Dem war aber scheinbar nicht so. Sie zog das Papier aus dem Umschlag und entfaltete es. Es waren insgesamt fünf voll beschriebene Seiten. Die erste war ein offizielles Begrüßungsschreiben. Absender und Titel nahmen ein gutes Drittel des Blattes ein. Wirklich interessant war nur ein Satz in diesem Schreiben: „…, daher weist euch die Gilde Lonewolf den Titel der Anwärterin zu. …“ Das war es. Ein Grinsen machte sich in ihrem Gesicht breit. Am liebsten wäre sie aufgesprungen, und hätte den Mitarbeiter hinter seinem Schreibtisch umarmt, konnte sich aber beherrschen. Sie war angenommen worden. Zwar vorerst nur als Anwärterin, aber das störte sie nicht sonderlich. Der Anfang war gemacht. So schwer konnte es nun nicht mehr sein zum Mitglied zu werden. Vielleicht ein Test ihrer Fähigkeiten oder etwas Vergleichbares. Etwas weiter unten stand noch, dass sie sich für ein persönliches Gespräch beim Gildenleiter vorstellen sollte. Der Mysteriöse Fremde aus Brockgratens? Sie würde es herausfinden.
Die restlichen Seiten enthielten nähere Informationen über die Gilde selbst, Anzahl der Mitglieder, Hierarchie sowie diverse Formalien, die es zu beachten galt. Sie würde diese Seiten später lesen. Jetzt wollte sie erst einmal zurück zur Taverne und sich einen Schluck Met gönnen. Oder vielleicht einen Becher Wein, wenn der Wirt etwas Entsprechendes anbieten konnte.
Sie erhob sich. „Ihr seht aus, als wenn der Brief gute Nachrichten für euch enthielt, „machte sich der Rathausmensch bemerkbar. Sie schenkte ihm ein Lächeln. „Sogar sehr gute.“
Mit diesen Worten verließ sie das Rathaus mit Kurs auf eine unbestimmte Zukunft. Jetzt musste sie nur noch lernen mit den Wölfen zu heulen.















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